Vielleicht ist der Himmel schon zu lange grau gewesen, vielleicht bin ich heute morgen auch einfach nur mit dem falschen Fuß aufgestanden. Heute war auf jeden Fall mein bisher zornigster Tag des Jahres 2010! (Und das nach 2 1/2 Wochen Jahresbeginn, na das fängt ja schon mal gut an… )
Heute morgen, nach vielen Beinahe-Hinfallen-in-den-dreckigen-Schnee-der-schon-seit-einer-gefühlten-Ewigkeit-liegt, ruderte ich mich endlich mit Händen und Füßen in die Volkswagen-Bibliothek der TU Berlin, lediglich um festzustellen, dass ich mit meinem tubIT-Konto keine WLan-Verbindung von meinem Laptop aus herstellen konnte. Blieb mir nichts anderes übrig als mich an einen Rechner vor Ort zu setzen. Nachdem ich mindestens an drei Mäusen, die an den Terminals angeschlossen sind, gerüttelt habe und erst die vierte Maus mit einem “Klick” den schlafenden Termianlrechner weckte, konnte ich mich auch dort nicht mit meinem tubIT-Konto anmelden. Ich hätte mich ja liebend gerne bei der tubIT nach dem Grund erkundigt, aber das Gastkonto des Bibliothekterminals ließ keine Internetverbindung zu – nicht einmal ins TU-interne Netz.
Nach einigem Aufwand konnte ich dann die Hotline-Nr. der tubIT herausfinden und ließ mir erklären, mein Konto sei alt (ja, stimmt, es ist noch aus der guten, alten ZRZ-Zeit, als ich angefangen habe zu studieren machte man es noch so, bevor man in Namen von “Coporate Identity” damit begann alle Fakultätsseiten zu uniformieren und bald darauf tubIT gebar … ) und ich solle mich doch bitte neu Provisionieren lassen, jedoch nicht mehr heute, die zuständige Stelle sei schon geschlossen. Alles klar! Übrigens… wo war eigentlich die Mail, die mich kurz vorher darüber benachrichtigte, dass mein Konto bald nicht mehr gültig sein wird?
Mit reichlich viel Frust und einem verschwendeten Vormittag beschloss ich der Buchhandlung Hugendubel am Zoo einen Besuch abzustatten, in der Hoffnung Bücher würden mich auf andere Gedanken bringen – zudem brauchte ich dringend das Buch “Cocoa Programmierung für Mac OS X” (ist von Aaron Hillegass und wohl DIE Bibel für Cocoa). Noch ein wenig unkonzentriert fuhr ich in die dritte Etage von Hugendubel und brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, dass der gesamte dritte Stock, der einst mit Bücher über Naturwissenschaften, Religion, Philosophie, Rechtswissenschaft, Medizin, Informatik, … gefüllt war, nun okkupiert wird von Kalendern. Klimt, Playboy, Hunde, Pferde, Delphine, Cote d’azur, Hello Kitty, … Alles bis zu 50% reduziert!
Eine Etage darunter war alles gezogen, dorthin wo auch die Kinderbücher, Kochbücher, Hobbybücher, Reisebücher, etc. sind – und waren. Dementsprechend gibt es weniger Platz und so muss sich die Mathematik, Physik und die Biologie ein Regal teilen und direkt daneben stehen die Bücher über Sport/Hobby und “Fußball” hat gleich einen ganzen Austelltisch bekommen, übrigens auch Prizessin Lili Fee und die Biss…-Trilogie/Quatrologie/What-ever (samt Kalender – diese sind nicht bis 50% reduziert, Trinkflasche, Radiergummi und T-Shirt)! Die Informatikabteilung ist gänzlich gestrichen worden, aber wozu C++ lernen, wenn man auch kistenweise Bücher über die Esoterik kaufen kann und die Klangschale, Räucherstäbchen, plus eine reichliche Auswahl an Pendel gibt es gleich daneben!
Gott sei dank habe ich mir einigen Stunden zuvor bei Lehmanns (die neben ihrer reichlichen Auswahl an Fachbüchern auch eine gute Sammlung an Belletristik und klassische Literatur anbietet) “Gefährliche Geliebte” von Murakami gekauft und konnte mich in der U-Bahn von Hugendubel nach Hause ein wenig darüber hinwegtrösten, dass Hugendubel mittlerweile zu einer Art Nanunana-Buchhandlung-Hybrid mutiert ist und mehr Lese-/Schreibutensilien, mehr Merchandise-Produkte, mehr Kaffee und Kuchen verkauft, nur immer weniger Bücher!
So bleibt der Tag weiterhin zornerfüllt (ich hätte mir bei Hugendubel eine Klangschale mit einem Lebensratgeberbuch kaufen sollen – “Anti-Wut und -Zynismus für Dummies”!) und ich hoffe, dass ein anderes Buch, das ich heute auch noch gekauft habe (“Twitteratur” von Alexander Aciman & Emmett Rensin, Pinguin Books) diese Wutwolke im Bauch etwas vertreibt. Tatsächlich fängt es schon sehr gut an, es beginnt nämlich mit: “OH MY GOD I’M IN HELL!” Wenn das mal nicht interessanter ist als der gesamte Merchandise-Tisch der “Wilden Kerle”!
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* Der Titel ist an dem Buch “How to be good” von Nick Hornby angelehnt, darin schreibt der Protagonist David eine Kolumne in der örtlichen Zeitung und der Name der Kolumne heißt “Der zornigste Mann von Holloway”.
2. Tag (20. Sept. ’09) – “Presto, presto! Presto!”
Nach einem freien Vormittag, bei dem wir die Gelegenheit hatten die nähere Umgebung von unserem Hotel zu erkunden, trafen wir den russischen Chor im Kloster und hatten unsere erste Probe. Das erste Treffen war mit einiger Verlegenheit begleitet und auf den ersten Blick prallten da zwei Welten aufeinander. Die russischen Frauen hatten alle Röcke und Oberteile mit langen Ärmeln an und manche trugen sogar einen Kopftuch. Unsere Mädels hingegen trugen fast alle Jeans und einige recht enge T-Shirts. Nur einige wenige von den Russen sprach flüssig Englisch, was die allgemeine Verlegenheit nur noch steigerte.
Doch als wir mit dem Singen begangen, löste sich die Spannung allmählich und über die gängige Begriffe der Musik konnte Christoph (unser Chorleiter) sogar fast problemlos die Dynamik oder das Tempo kommunizieren. So fanden wir z.B. heraus, dass wir “Mnogaja Ljeta” viel zu gemächlich sangen und es “Presto, presto, presto!” sein müsste. Christoph kam dabei wohl doch etwas ins Schwitzen und zusammen mit dem russischen Chor lachten wir über sein leicht angestrengtes Gesicht.
Ich musiziere schon seitdem ich in der Grundschule bin, aber im Wolgograd habe ich zum ersten Mal so intensiv erlebt, wie stark die Musik auch als Sprache zwischen den Menschen funktionieren kann. Da gründet man EU oder UNO, trifft sich andauernd bei irgendwelchen Gipfeltreffen und eigentlich braucht man nichts anderes zu tun als ein kleines Lied zu trillern und alle trillern mit… Natürlich ist das alles sehr naiv ausgedrückt, aber um an dieser Stelle Paul Hindemith zu zitieren:
Menschen, die gemeinsam Musik machen, können keine Feinde sein — zumindest nicht, solange die Musik andauert.
PS: da fällt mir ein, wenn wir schon bei dem Thema sind (und weil wir heutzutage so schrecklich interaktiv sind), ein sehr sehenswertes Video dazu wäre Where the hell is Matt? . Und spätestens jetzt kriege ich wieder ganz viel Fernweh!
Vor fast genau drei Jahren besuchte ich die Deutschland-Premiere von “The Veil of the Temple” – ein neunstündiges Musikwerk von Sir John Tavener. Die Aufführung fand im Hamburger Bahnhof statt, begann kurz nach 22 Uhr, zog sich über die ganze Nacht und endete am nächsten Morgen mit dem Sonnenaufgang um 7 Uhr.
Es war ein Erlebnis, welches mich tief beeindruckt hat und von dem ich heute – nach drei Jahren – immer noch zehre.
Nun lief auf ARTE eine Dokumentation über dieses Ereignis und hier ist der Trailer dazu:
Malt mein Maler, statt zu malern, einen Maler an meine Wand, der anstatt seiner meine Wand malern soll, so malert doch in Wahrheit der gemalte Maler meine Wand! Und was ist, wenn der gemalte Maler selbst wiederum nur einen Maler malt, der meine Wand malern soll? Und wenn es vom Mal zu Mal, immer mehr und mehr Maler gemalt werden, doch keiner der gemalten Maler bereit ist zu malern, sondern nur einen weiteren Maler malt. Ist meine Wand dann hinterher gemalert oder bemalt?
Aus dem temporären Projektchor “univocale” ist ein langfristiges Chorprojekt geworden, mit regelmäßigen Proben und geplanten Konzerte.
Das nächste Konzert von “univocale” findet am 12. Dezember 2009 in der Kreuzkirche Schmargendorf (Ecke Hohenzollerndamm/Forckenbeckstr.) statt. Nach dem Motto: Come, all ye people – welcome the Lord! präsentieren wir unter der Leitung von Christoph Ostendorf “Weihnachtslieder aus aller Welt – vom 17. bis zum 20. Jahrhundert – von Michael Praetorius bis John Rutter.”
Die Schwierigkeit bei der Improvisation ist von der Gewohnheit loszulassen und der eigenen Intuition zutrauen, dass sie schon etwas angenehmes hervorbringen wird. Diese Schwierigkeit durfte ich heute leibhaftig bei meinem ersten Improvisationsversuch am Klavier erfahren und ich habe mich um mehr verkrampft, je mehr ich versucht hatte los zu lassen. Es war anstrengend. Doch hat mich die Improvisationssession inspiriert und ich musste etwas auch malerisch improvisieren… Das Ergebnis ist – zugegeben nicht viel besser geworden wie meine Versuche am Klavier (und ich müsste es eigentlich besser können), aber das ist das erst Mal seit langer Zeit, dass ich wieder frei etwas malen konnte und es hat sehr viel Spaß gemacht. Also, was sollt’s – wird zerschnitten für die nächste Collage.
Ich muss langsam damit beenden, sonst ist der Anfang nie in Sicht, und eines Tages ist plötzlich aus der Erinnerung die Wirklichkeit geworden.
Für ca. 9 Tage befand ich mich mit meinem Projektchor “univocale” auf einer Chorfahrt nach Wolgograd/Russland und hier ist der erste Teil des Reiseberichts:
Anreise (17. – 18. Sept. ’09) – Die Erinnerung an die Hölle:
Der Flug von Berlin nach Moskau war unspektakulär, über das Flugzeugessen werde ich nicht sprechen, weil ich mich sonst nur darüber aufrege. Leicht zermartert kam ich mit zweiunddreißig anderen “Univocalisten” um 5:40 (Ortszeit) am Flughafen Sheremetyevo International an und wir wurden von einem kalten Moskau in Empfang genommen.
Dann hieß es 7 Stunden lang auf den Anschlussflug warten… Und ich kann mich absolut an rein gar nichts aus meinem Leben erinnern, was diesem schrecklichen Zustand hätte entsprechen können. Ich war durch und durch übermüdet (zu allem Überfluss kündigte sich eine Erkältung an) und wollte nur noch schlafen, doch die Bänke in der Wartehalle waren mit Metallarmlehnen unterbrochen und sowieso fast alle besetzt. Der Boden war nicht gerade sauber, also fiel auch dieser als Liegemöglichkeit aus. So verrenkte man sich in irgend eine Schlafposition, fiel um, wenn man gerade richtig einschlief, schreckte hoch, schaute sich verwirrt um, erinnerte sich daran, wo man war, schaute unglücklich, verrenkte sich in eine andere Lage und das ganze Theater ging wieder von vorne los.
Müsste ich einen Aussatz über die Hölle schreiben, ich würde diese 7 Stunden als Vorlage nehmen. Der Mensch kommt nach seinem Ableben in die Wartehalle für Inlandsflüge der Sheremetyevo International Airport, Moskau und wartet dort auf seinen Anschlussflug, der kommt aber einfach nicht, der kommt nicht, der kommt nie…
Der kam doch. Und so erreichten wir nach 13 Stunden Anreisezeit doch noch Wolgograd.
Und wenn ich so rückblickend darüber schreibe – die Gedanken zitierend, die ich damals hatte – kommt es mir so vor, als würde ich alles nur unendlich dramatisieren. Khalil Gibran schreibt seinem Buch “Der Prophet”:
Aus der Zeit wollt ihr einen Strom machen, an dessen Ufern ihr sitzt und zuschaut, wie der fließ. Doch das Zeitlose in euch ist sich der Zeitlosigkeit des Lebens bewußt. Und weiß, dass Gestern nichts anderes ist, als die Erinnerung von Heute und Morgen der Traum von Heute.
Sei alles also nur eine unangenehme Erinnerung gewesen.
1. Tag (19. Sept. ’09) – “Die Schlacht um Stalingrad ist unsere Spezialität!”:
… brummte es durch die Lautsprecher vom Reisebus, während wir Richtung Mamaj-Hügel fuhren. Zuvor haben wir den Platz der gefallen Krieger besucht, der als Gedenkstätte für die russische Soldaten errichtet wurde, die während der Schlacht um Stalingrad gefallen sind. Schüler und Schülerinnen, die als SoldatenInnen verkleidet sind, halten heute noch regelmäßig dort Wache und überhaupt scheint die ganze Stadt noch stark in Erinnerung an die damalige Schlacht zu schwelgen. Die Schlacht und die damit verbundene, zahlreiche Gedenkstätte ist eine große (und vielleicht die einzige?) Attraktion der Stadt und die Sowjetunion hat ihren großen Anteil dazu beigetragen, dass die Soldaten-Verehrung einen solchen großen Ausmaß annehmen konnte wie der Mamaj-Hügel ihn darstellt. Mit ihrer 85 Meter Betonkörper-Größe und 16 Meter Metallschwert-Länge thront die Mutter Heimat an der Spitze des Mamaj-Hügels und ruft ihre Söhne zur Verteidigung von Russland. Ihre Söhne werden durch einen “sixteen-packs”-bepackten, kalaschnikow-beladenen Soldat symbolisiert, der die Mutter Heimat aufgrund der Dreisatzrechnung mehr und mehr bedeckt, je höher man den Mamaj-Hügel emporklettert. Nebenbei wird man von Radio-Aufnahmen zur Zeit der Schlacht beschallt, lässt sich vom monumentalen Heldenplatz mit einem 26,6 x 86 Meter großen Wasserbecken umgeben von 6 Meter hohen Heldenstaturen beeindrucken und vom goldbeladenen Saal des Soldatenruhmes blenden. Ausführliche Informationen über den Mamaj-Hügel gibt es hier.
Nach dieser glorreichen Sight-Seeing-Tour und einer sehr guten Abendmahlzeit in Sascha’s kleinem Restaurant (das Essen war superb und sollte in den nächsten Tagen so bleiben!) trafen wir in der Musikschule auf einen Knabenchor. Der Chor bestand aus witzigen Jungen, die noch Sopran piepsten, und angehenden Männern, die schon im Bass brummten. Wir verteilten uns nach Stimmlage zwischen ihnen und gemeinsam probten wir ein russisches Lied (“Посеял Лен За Рекою” ist, soweit ich verstanden habe, ein russisches Volkslied) und “Ave verum” von Mozart. Die Knaben, egal wie klein sie noch waren, waren sehr diszipliniert und hatten wunderschöne Knabenstimmen. Außerdem hat mich das “Ave verum” an meinen Schulchor erinnert, bei dem ich noch Sopran war und ich vermisste den ewig alten, brummigen Theo (“Gott schenkt dir einen fetten Sohn und segnet die Königin von England!”) und meine Julia, die immer noch Sopran singen kann.
“Ave Verum” mit Ferdi summend machten uns wir danach auf den Weg zu einem orthodoxen Gottesdienst im Kloster. Nur mit einer leisen Ahnung davon, was mich dort erwarten würde, betrat ich – einen Kopftuch tragend – die Kirche und begab mich in eine andere Welt. Es ist hier nicht die richtige Stelle, um über die Religion zu diskutieren, ich habe auch zu wenig von den ganzen Gebeten und Segnungen verstanden, um über ihren Sinn oder Unsinn zu debattieren. Das permanente Sich-Bekreuzigen, wenn das Wort “Gott” fällt, als eine Art Ritual und vielleicht auch eine Form der Meditation würde ich noch hinnehmen, aber über Vorschriften, welche im Mantel der Religion verpackt die Frau diskriminieren, habe ich so meine Meinung. Nun… ich habe schon Nächte lange Diskussion mit Anderen über das Thema gehabt und muss mich hier nun wirklich nicht wieder darüber auslassen.
Der Abend endete mit einer fröhlichen Runde im Party-Zimmer von Christian und Christoph, wo der gesamte Chor samt Dirigent und Dolmetscherin sich hineingequetscht hatte und die große Wodka-Probier-Runde nahm damit ihren Lauf.
Es ist Herbst und es ist Zeit für Melancholie und Gedichte. Es scheint so, als sollte dieser Herbst ein Rilke-Herbst werden:
Liebes-Lied von Rainer Maria Rilke
Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern DIngen?
Ach gerne möchte ich sie bei irgenwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süßes Lied.