Posted by fei on Jun 7, 2010 in
Alltag,
Bücher,
Neues
Mir ist heute dieser Text von Max Frisch eingefallen, der wie die Faust aufs Auge zu einem kleinen Streit passt, den ich vorhin mit jemandem hatte:
Du sollst dir kein Bildnis machen
von Max Frisch
aus “Tagebuch 1946-1949″, Verlag Suhrkamp, Frankfurt, S. 27 ff.
Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden; weil wir sie lieben, solang wir sie lieben. Man höre bloss die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man liebt –
Nur die Liebe erträgt ihn so.
Warum reisen wir? Auch dies, damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für allemal, damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei –
Es ist ohnehin schon wenig genug.
Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedesmal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muss es sein. Wir können nicht mehr! Wir künden ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei.
“Du bist nicht”, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte, „wofür ich Dich gehalten habe.”
Und wofür hat man sich denn gehalten?
Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.
Man hat darauf hingewiesen, das Wunder jeder Prophetie erkläre sich teilweise schon daraus, dass das Künftige, wie es in den Worten eines Propheten erahnt scheint und als Bildnis entworfen wird, am Ende durch eben dieses Bildnis verursacht, vorbereitet, ermöglicht oder mindestens befördert worden ist -
Unfug der Kartenleserei.
Urteile über unsere Handschrift.
Orakel bei den alten Griechen.
Wenn wir es so sehen, entkleiden wir die Prophetie wirklich ihres Wunders? Es bleibt noch immer das Wunder des Wortes, das Geschichte macht: –
“Im Anfang war das Wort.“
Kassandra, die Ahnungsvolle, die scheinbar Warnende und nutzlos Warnende, ist sie immer ganz unschuldig an dem Unheil, das sie vorausklagt?
Dessen Bildnis sie entwirft.
Irgendeine fixe Meinung unsrer Freunde, unsrer Eltern, unsrer Erzieher, auch sie lastet auf manchem wie ein altes Orakel. Ein halbes Leben steht unter der heimlichen Frage: Erfüllt es sich oder erfüllt es sich nicht. Mindestens die Frage ist uns auf die Stirne gebrannt, und man wird ein Orakel nicht los, bis man es zur Erfüllung bringt. Dabei muss es sich durchaus nicht im geraden Sinn erfüllen; auch im Widerspruch zeigt sich der Einfluss, darin, dass man so nicht sein will, wie der andere uns einschätzt. Man wird das Gegenteil, aber man wird es durch den andern.
[...]
In gewissem Grad sind wir wirklich das Wesen, das die andern in uns hineinsehen, Freunde wie Feinde. Und umgekehrt! auch wir sind die Verfasser der andern; wir sind auf eine heimliche und unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht, das sie uns zeigen, verantwortlich nicht für ihre Anlage, aber für die Ausschöpfung dieser Anlage. Wir sind es, die dem Freunde, dessen Erstarrtsein uns bemüht, im Wege stehen, und zwar dadurch, dass unsere Meinung, er sei erstarrt, ein weiteres Glied in jener Kette ist, die ihn fesselt und langsam erwürgt. Wir wünschen ihm, dass er sich wandle, o ja, wir wünschen es ganzen Völkern! Aber darum sind wir noch lange nicht bereit, unsere Vorstellung von ihnen aufzugeben. Wir selber sind die letzten, die sie verwandeln. Wir halten uns für den Spiegel und ahnen nur selten, wie sehr der andere seinerseits eben der Spiegel unsres erstarrten Menschenbildes ist, unser Erzeugnis, unser Opfer –.
[...]
Posted by fei on Feb 5, 2010 in
Musik,
Neues
Dieses Mal singe ich (leider) nicht mit, aber dafür sitze ich im Publikum und höre zum ersten Mal das Collegium Musicum in der Berliner Philharmonie, das ist doch auch mal was…
Tags: Collegiun Musicum, Duruflé, Konzert, Schönberg, Schostakowitsch
Posted by fei on Nov 12, 2009 in
Musik,
Neues
Aus dem temporären Projektchor “univocale” ist ein langfristiges Chorprojekt geworden, mit regelmäßigen Proben und geplanten Konzerte.
Das nächste Konzert von “univocale” findet am 12. Dezember 2009 in der Kreuzkirche Schmargendorf (Ecke Hohenzollerndamm/Forckenbeckstr.) statt. Nach dem Motto: Come, all ye people – welcome the Lord! präsentieren wir unter der Leitung von Christoph Ostendorf “Weihnachtslieder aus aller Welt – vom 17. bis zum 20. Jahrhundert – von Michael Praetorius bis John Rutter.”
Bilder-Nachtrag:
Posted by fei on Nov 9, 2009 in
Alltag,
Kunst,
Musik,
Neues

Improvisation am Sonntagnachmittag
Die Schwierigkeit bei der Improvisation ist von der Gewohnheit loszulassen und der eigenen Intuition zutrauen, dass sie schon etwas angenehmes hervorbringen wird. Diese Schwierigkeit durfte ich heute leibhaftig bei meinem ersten Improvisationsversuch am Klavier erfahren und ich habe mich um mehr verkrampft, je mehr ich versucht hatte los zu lassen. Es war anstrengend. Doch hat mich die Improvisationssession inspiriert und ich musste etwas auch malerisch improvisieren… Das Ergebnis ist – zugegeben nicht viel besser geworden wie meine Versuche am Klavier (und ich müsste es eigentlich besser können), aber das ist das erst Mal seit langer Zeit, dass ich wieder frei etwas malen konnte und es hat sehr viel Spaß gemacht. Also, was sollt’s – wird zerschnitten für die nächste Collage.
Posted by fei on Nov 5, 2009 in
Musik,
Neues,
Reise
Ich muss langsam damit beenden, sonst ist der Anfang nie in Sicht, und eines Tages ist plötzlich aus der Erinnerung die Wirklichkeit geworden.
Für ca. 9 Tage befand ich mich mit meinem Projektchor “univocale” auf einer Chorfahrt nach Wolgograd/Russland und hier ist der erste Teil des Reiseberichts:
Anreise (17. – 18. Sept. ’09) – Die Erinnerung an die Hölle:
Der Flug von Berlin nach Moskau war unspektakulär, über das Flugzeugessen werde ich nicht sprechen, weil ich mich sonst nur darüber aufrege. Leicht zermartert kam ich mit zweiunddreißig anderen “Univocalisten” um 5:40 (Ortszeit) am Flughafen Sheremetyevo International an und wir wurden von einem kalten Moskau in Empfang genommen.
Dann hieß es 7 Stunden lang auf den Anschlussflug warten… Und ich kann mich absolut an rein gar nichts aus meinem Leben erinnern, was diesem schrecklichen Zustand hätte entsprechen können. Ich war durch und durch übermüdet (zu allem Überfluss kündigte sich eine Erkältung an) und wollte nur noch schlafen, doch die Bänke in der Wartehalle waren mit Metallarmlehnen unterbrochen und sowieso fast alle besetzt. Der Boden war nicht gerade sauber, also fiel auch dieser als Liegemöglichkeit aus. So verrenkte man sich in irgend eine Schlafposition, fiel um, wenn man gerade richtig einschlief, schreckte hoch, schaute sich verwirrt um, erinnerte sich daran, wo man war, schaute unglücklich, verrenkte sich in eine andere Lage und das ganze Theater ging wieder von vorne los.
Müsste ich einen Aussatz über die Hölle schreiben, ich würde diese 7 Stunden als Vorlage nehmen. Der Mensch kommt nach seinem Ableben in die Wartehalle für Inlandsflüge der Sheremetyevo International Airport, Moskau und wartet dort auf seinen Anschlussflug, der kommt aber einfach nicht, der kommt nicht, der kommt nie…
Der kam doch. Und so erreichten wir nach 13 Stunden Anreisezeit doch noch Wolgograd.
Und wenn ich so rückblickend darüber schreibe – die Gedanken zitierend, die ich damals hatte – kommt es mir so vor, als würde ich alles nur unendlich dramatisieren. Khalil Gibran schreibt seinem Buch “Der Prophet”:
Aus der Zeit wollt ihr einen Strom machen, an dessen Ufern ihr sitzt und zuschaut, wie der fließ. Doch das Zeitlose in euch ist sich der Zeitlosigkeit des Lebens bewußt. Und weiß, dass Gestern nichts anderes ist, als die Erinnerung von Heute und Morgen der Traum von Heute.
Sei alles also nur eine unangenehme Erinnerung gewesen.
1. Tag (19. Sept. ’09) – “Die Schlacht um Stalingrad ist unsere Spezialität!”:
… brummte es durch die Lautsprecher vom Reisebus, während wir Richtung Mamaj-Hügel fuhren. Zuvor haben wir den Platz der gefallen Krieger besucht, der als Gedenkstätte für die russische Soldaten errichtet wurde, die während der Schlacht um Stalingrad gefallen sind. Schüler und Schülerinnen, die als SoldatenInnen verkleidet sind, halten heute noch regelmäßig dort Wache und überhaupt scheint die ganze Stadt noch stark in Erinnerung an die damalige Schlacht zu schwelgen. Die Schlacht und die damit verbundene, zahlreiche Gedenkstätte ist eine große (und vielleicht die einzige?) Attraktion der Stadt und die Sowjetunion hat ihren großen Anteil dazu beigetragen, dass die Soldaten-Verehrung einen solchen großen Ausmaß annehmen konnte wie der Mamaj-Hügel ihn darstellt. Mit ihrer 85 Meter Betonkörper-Größe und 16 Meter Metallschwert-Länge thront die Mutter Heimat an der Spitze des Mamaj-Hügels und ruft ihre Söhne zur Verteidigung von Russland. Ihre Söhne werden durch einen “sixteen-packs”-bepackten, kalaschnikow-beladenen Soldat symbolisiert, der die Mutter Heimat aufgrund der Dreisatzrechnung mehr und mehr bedeckt, je höher man den Mamaj-Hügel emporklettert. Nebenbei wird man von Radio-Aufnahmen zur Zeit der Schlacht beschallt, lässt sich vom monumentalen Heldenplatz mit einem 26,6 x 86 Meter großen Wasserbecken umgeben von 6 Meter hohen Heldenstaturen beeindrucken und vom goldbeladenen Saal des Soldatenruhmes blenden. Ausführliche Informationen über den Mamaj-Hügel gibt es hier.
Nach dieser glorreichen Sight-Seeing-Tour und einer sehr guten Abendmahlzeit in Sascha’s kleinem Restaurant (das Essen war superb und sollte in den nächsten Tagen so bleiben!) trafen wir in der Musikschule auf einen Knabenchor. Der Chor bestand aus witzigen Jungen, die noch Sopran piepsten, und angehenden Männern, die schon im Bass brummten. Wir verteilten uns nach Stimmlage zwischen ihnen und gemeinsam probten wir ein russisches Lied (“Посеял Лен За Рекою” ist, soweit ich verstanden habe, ein russisches Volkslied) und “Ave verum” von Mozart. Die Knaben, egal wie klein sie noch waren, waren sehr diszipliniert und hatten wunderschöne Knabenstimmen. Außerdem hat mich das “Ave verum” an meinen Schulchor erinnert, bei dem ich noch Sopran war und ich vermisste den ewig alten, brummigen Theo (“Gott schenkt dir einen fetten Sohn und segnet die Königin von England!”) und meine Julia, die immer noch Sopran singen kann.
“Ave Verum” mit Ferdi summend machten uns wir danach auf den Weg zu einem orthodoxen Gottesdienst im Kloster. Nur mit einer leisen Ahnung davon, was mich dort erwarten würde, betrat ich – einen Kopftuch tragend – die Kirche und begab mich in eine andere Welt. Es ist hier nicht die richtige Stelle, um über die Religion zu diskutieren, ich habe auch zu wenig von den ganzen Gebeten und Segnungen verstanden, um über ihren Sinn oder Unsinn zu debattieren. Das permanente Sich-Bekreuzigen, wenn das Wort “Gott” fällt, als eine Art Ritual und vielleicht auch eine Form der Meditation würde ich noch hinnehmen, aber über Vorschriften, welche im Mantel der Religion verpackt die Frau diskriminieren, habe ich so meine Meinung. Nun… ich habe schon Nächte lange Diskussion mit Anderen über das Thema gehabt und muss mich hier nun wirklich nicht wieder darüber auslassen.
Der Abend endete mit einer fröhlichen Runde im Party-Zimmer von Christian und Christoph, wo der gesamte Chor samt Dirigent und Dolmetscherin sich hineingequetscht hatte und die große Wodka-Probier-Runde nahm damit ihren Lauf.
Fortsetzung folgt…
Posted by fei on Mar 24, 2009 in
Neues
Der endgültige Umzug ist nun vollbracht.
Bye bye altes Banner.
Hello world!