Haruki Murakami: Kafka am Strand

btb-Verlag, ISBN: 978-442-73323-1, 636 Seiten
Dieses Buch ist ein Traum.
Wenn man es einige Stunden lang gelesen hat und es dann einmal schafft für einige Minuten sich davon loszureißen, hat man stets das Gefühl in diesen Stunden eigentlich geschlafen und geträumt zu haben.
Es gleich solch einen Schlaf, den man an einem Nachmittag hält, um danach mit dumpfen Kopfschmerzen aufzuwachen, mit fahlem Geschmack auf der Zunge und mit Augen, die noch nicht die Welt hier und jetzt realisieren, sondern noch auf die Bilder des gerade eben Geträumten starren. Bei einigen der Bildern sieht man sofort, woher sie entsprungen sind – meistens nehmen sie Bezug zu alltäglichen, banalen Dingen. Doch da sind diese andere Bilder, die so mysteriös, so schön, so schrecklich, oder eben erst durch ihre Schrecklichkeit schön sind. Und nach diesen Bildern versucht man zu greifen und festzuhalten, aber sie weichen geschickt aus, wechseln ihre Gestalten und sind auch bald schon verschwunden. Zurück bleibt dieses wohlige Gefühl des Unbehagens, das sich mit der Ahnung, bald die träge Glieder strecken und in die reale Welt zurückkehren zu müssen, widerstreitet – so fühlt es sich an “Kafka am Strand” zu lesen und man bereut keine Sekunde.
Oshima, ein Freund des Protagonisten Kafka Tamura, spricht im Buch immer wieder von Metaphern. Aber es geht in diesem Buch in erster Linie nicht um die Transformation der Außenwelt in symbolträchtigen Worten, sondern um die Transformation der inneren Welt – dort, wo das Unbewusste, Unterdrückte, Gewohnheitsmäßige herrscht und sich manifestiert.
In sofern entziehen sich diese Symbole fast jegliche Deutung, beantworten nicht nur keine Fragen der Wirklichkeit betreffend, sondern geben auch keine Erklärung, die zu ihrer eigenen Festigung führen könnte. So regnet es eben Blutegel und Makrele, wenn Nakata (der übrigens mit Katzen und einem Stein sprechen kann) seinen Schirm aufspannt. So bleibt es ungeklärt, ob Saeki tatsächlich Kafkas Mutter ist, obwohl eine von Kafkas Vater geäußerte, ödipale Prophezeiung allen Anschein nach erfüllt wurde. Solche scheinbare Widersprüchlichkeiten führen den Text keineswegs in die Absurdität oder machen ihn unglaubwürdig, denn durch die Unbestimmtheit der verwendeten Symbole fügen sie sich in das wohlige Gefühl des Unbehagens zusammen, fesseln und bedrohen dadurch. Am Ende ist man heil froh, wenn man die Starre der Glieder mit einem plötzlichen Ruck überwindet, das Buch zuklappt, vom Bette aufsteht und wieder ins reale Leben zurückkehrt. Doch obwohl man glaubt, wieder ins Licht getreten zu sein, bleibt die Ahnung, dass das Dunkle immer noch irgendwo innen drinnen schlummert.