Sommerkonzert von Univocale
Es geht um die Liebe…
Bilder-Nachtrag:
Es geht um die Liebe…
Bilder-Nachtrag:
Mir ist heute dieser Text von Max Frisch eingefallen, der wie die Faust aufs Auge zu einem kleinen Streit passt, den ich vorhin mit jemandem hatte:
Du sollst dir kein Bildnis machen
von Max Frisch
aus “Tagebuch 1946-1949″, Verlag Suhrkamp, Frankfurt, S. 27 ff.
Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden; weil wir sie lieben, solang wir sie lieben. Man höre bloss die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man liebt –
Nur die Liebe erträgt ihn so.
Warum reisen wir? Auch dies, damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für allemal, damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei –
Es ist ohnehin schon wenig genug.
Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedesmal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muss es sein. Wir können nicht mehr! Wir künden ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei.
“Du bist nicht”, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte, „wofür ich Dich gehalten habe.”
Und wofür hat man sich denn gehalten?
Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.
Man hat darauf hingewiesen, das Wunder jeder Prophetie erkläre sich teilweise schon daraus, dass das Künftige, wie es in den Worten eines Propheten erahnt scheint und als Bildnis entworfen wird, am Ende durch eben dieses Bildnis verursacht, vorbereitet, ermöglicht oder mindestens befördert worden ist -
Unfug der Kartenleserei.
Urteile über unsere Handschrift.
Orakel bei den alten Griechen.
Wenn wir es so sehen, entkleiden wir die Prophetie wirklich ihres Wunders? Es bleibt noch immer das Wunder des Wortes, das Geschichte macht: –
“Im Anfang war das Wort.“
Kassandra, die Ahnungsvolle, die scheinbar Warnende und nutzlos Warnende, ist sie immer ganz unschuldig an dem Unheil, das sie vorausklagt?
Dessen Bildnis sie entwirft.
Irgendeine fixe Meinung unsrer Freunde, unsrer Eltern, unsrer Erzieher, auch sie lastet auf manchem wie ein altes Orakel. Ein halbes Leben steht unter der heimlichen Frage: Erfüllt es sich oder erfüllt es sich nicht. Mindestens die Frage ist uns auf die Stirne gebrannt, und man wird ein Orakel nicht los, bis man es zur Erfüllung bringt. Dabei muss es sich durchaus nicht im geraden Sinn erfüllen; auch im Widerspruch zeigt sich der Einfluss, darin, dass man so nicht sein will, wie der andere uns einschätzt. Man wird das Gegenteil, aber man wird es durch den andern.
[...]
In gewissem Grad sind wir wirklich das Wesen, das die andern in uns hineinsehen, Freunde wie Feinde. Und umgekehrt! auch wir sind die Verfasser der andern; wir sind auf eine heimliche und unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht, das sie uns zeigen, verantwortlich nicht für ihre Anlage, aber für die Ausschöpfung dieser Anlage. Wir sind es, die dem Freunde, dessen Erstarrtsein uns bemüht, im Wege stehen, und zwar dadurch, dass unsere Meinung, er sei erstarrt, ein weiteres Glied in jener Kette ist, die ihn fesselt und langsam erwürgt. Wir wünschen ihm, dass er sich wandle, o ja, wir wünschen es ganzen Völkern! Aber darum sind wir noch lange nicht bereit, unsere Vorstellung von ihnen aufzugeben. Wir selber sind die letzten, die sie verwandeln. Wir halten uns für den Spiegel und ahnen nur selten, wie sehr der andere seinerseits eben der Spiegel unsres erstarrten Menschenbildes ist, unser Erzeugnis, unser Opfer –.
[...]
Mein geliebter Chor “univocale”- wieder einmal geleitet von Christoph Ostendorf – macht bei der diesjährigen Aufführung der Oper “Orpheus & Eurydike” von Christoph Wilibald Gluck im Schlosstheater Rheinsberg mit und eine Woche Probe steht uns noch bevor, dann beginnen die Aufführungen.
“Wer bist verwegner du, der dieses Ortes Ruh frevelnden Schritts entweiht, der vor der Dunkelheit, nimmer sich scheut!?”
Nach vielen, vielen Proben wache ich mittlerweile mitten in der Nacht auf und das Erste, was mir einfällt, sind diese Liedtexte. :)
Bilder-Nachtrag:
Presse:
Diesen tollen pinken Filzstoff gefunden und zusammen mit einem grauen Filzstoff zu verschiedenen Taschen und Etuis verarbeitet. Hier ein Clutcher:
Habe mir ja vorgenommen meinen Blog nicht zu einer Link-Ansammlung “verkommen” zu lassen (wobei das ironischer Weise genau die Funktion eines Blogs einst war… ), aber das hier ist einfach zu witzig, dass ich es unerwähnt lassen kann.
Noch wahnwitziger als diese Entität selbst sind die Kundenrezensionen zum Produkt und die Kundenbilder. Man kann an vielen Tagen über das Internet schimpfen wie man will, aber in manchen Momenten verleitet es die Menschen zur höchsten kreativen Leistung, die mit einer Menge Pop-Kultur- und Halbwissen, mit einer großen Portion Sinn für Humor und mit einer Schlagfertigkeit daherkommt, dass man sich durchaus einen ganzen Nachmittag mit Lesen von solchen Texten beschäftigen kann ohne seine Zeit hinterher für verschwendet zu halten.
Zum Schluss noch ein McGyver Witz:
Eine junge Frau erkundigt sich kurz vor dem ersten Mal bei ihrer Mutter, was man denn währenddessen so redet. Die Mutter antwortet:” Während dem Sex bist du ruhig, danach kannst du ja fragen, wie ihr ihn nennen wollt, um die Atmosphäre aufzulocker.”
Das erste Mal ist gerade fertig, da fragt die junge Frau ihren Lover: “Na Schatz, wie nennen wir ihn?”
Der Typ steht auf, streift das Kondom ab, macht einen Doppelknoten rein, wirft das Kondom ins Klo, zieht die Spülung und sagt: “Wenn der da wieder rauskommt, dann nennen wir ihn Mc Gyver!”
Dieses Mal singe ich (leider) nicht mit, aber dafür sitze ich im Publikum und höre zum ersten Mal das Collegium Musicum in der Berliner Philharmonie, das ist doch auch mal was…
Vielleicht ist der Himmel schon zu lange grau gewesen, vielleicht bin ich heute morgen auch einfach nur mit dem falschen Fuß aufgestanden. Heute war auf jeden Fall mein bisher zornigster Tag des Jahres 2010! (Und das nach 2 1/2 Wochen Jahresbeginn, na das fängt ja schon mal gut an… )
Heute morgen, nach vielen Beinahe-Hinfallen-in-den-dreckigen-Schnee-der-schon-seit-einer-gefühlten-Ewigkeit-liegt, ruderte ich mich endlich mit Händen und Füßen in die Volkswagen-Bibliothek der TU Berlin, lediglich um festzustellen, dass ich mit meinem tubIT-Konto keine WLan-Verbindung von meinem Laptop aus herstellen konnte. Blieb mir nichts anderes übrig als mich an einen Rechner vor Ort zu setzen. Nachdem ich mindestens an drei Mäusen, die an den Terminals angeschlossen sind, gerüttelt habe und erst die vierte Maus mit einem “Klick” den schlafenden Termianlrechner weckte, konnte ich mich auch dort nicht mit meinem tubIT-Konto anmelden. Ich hätte mich ja liebend gerne bei der tubIT nach dem Grund erkundigt, aber das Gastkonto des Bibliothekterminals ließ keine Internetverbindung zu – nicht einmal ins TU-interne Netz.
Nach einigem Aufwand konnte ich dann die Hotline-Nr. der tubIT herausfinden und ließ mir erklären, mein Konto sei alt (ja, stimmt, es ist noch aus der guten, alten ZRZ-Zeit, als ich angefangen habe zu studieren machte man es noch so, bevor man in Namen von “Coporate Identity” damit begann alle Fakultätsseiten zu uniformieren und bald darauf tubIT gebar … ) und ich solle mich doch bitte neu Provisionieren lassen, jedoch nicht mehr heute, die zuständige Stelle sei schon geschlossen. Alles klar! Übrigens… wo war eigentlich die Mail, die mich kurz vorher darüber benachrichtigte, dass mein Konto bald nicht mehr gültig sein wird?
Mit reichlich viel Frust und einem verschwendeten Vormittag beschloss ich der Buchhandlung Hugendubel am Zoo einen Besuch abzustatten, in der Hoffnung Bücher würden mich auf andere Gedanken bringen – zudem brauchte ich dringend das Buch “Cocoa Programmierung für Mac OS X” (ist von Aaron Hillegass und wohl DIE Bibel für Cocoa). Noch ein wenig unkonzentriert fuhr ich in die dritte Etage von Hugendubel und brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, dass der gesamte dritte Stock, der einst mit Bücher über Naturwissenschaften, Religion, Philosophie, Rechtswissenschaft, Medizin, Informatik, … gefüllt war, nun okkupiert wird von Kalendern. Klimt, Playboy, Hunde, Pferde, Delphine, Cote d’azur, Hello Kitty, … Alles bis zu 50% reduziert!
Eine Etage darunter war alles gezogen, dorthin wo auch die Kinderbücher, Kochbücher, Hobbybücher, Reisebücher, etc. sind – und waren. Dementsprechend gibt es weniger Platz und so muss sich die Mathematik, Physik und die Biologie ein Regal teilen und direkt daneben stehen die Bücher über Sport/Hobby und “Fußball” hat gleich einen ganzen Austelltisch bekommen, übrigens auch Prizessin Lili Fee und die Biss…-Trilogie/Quatrologie/What-ever (samt Kalender – diese sind nicht bis 50% reduziert, Trinkflasche, Radiergummi und T-Shirt)! Die Informatikabteilung ist gänzlich gestrichen worden, aber wozu C++ lernen, wenn man auch kistenweise Bücher über die Esoterik kaufen kann und die Klangschale, Räucherstäbchen, plus eine reichliche Auswahl an Pendel gibt es gleich daneben!
Gott sei dank habe ich mir einigen Stunden zuvor bei Lehmanns (die neben ihrer reichlichen Auswahl an Fachbüchern auch eine gute Sammlung an Belletristik und klassische Literatur anbietet) “Gefährliche Geliebte” von Murakami gekauft und konnte mich in der U-Bahn von Hugendubel nach Hause ein wenig darüber hinwegtrösten, dass Hugendubel mittlerweile zu einer Art Nanunana-Buchhandlung-Hybrid mutiert ist und mehr Lese-/Schreibutensilien, mehr Merchandise-Produkte, mehr Kaffee und Kuchen verkauft, nur immer weniger Bücher!
So bleibt der Tag weiterhin zornerfüllt (ich hätte mir bei Hugendubel eine Klangschale mit einem Lebensratgeberbuch kaufen sollen – “Anti-Wut und -Zynismus für Dummies”!) und ich hoffe, dass ein anderes Buch, das ich heute auch noch gekauft habe (“Twitteratur” von Alexander Aciman & Emmett Rensin, Pinguin Books) diese Wutwolke im Bauch etwas vertreibt. Tatsächlich fängt es schon sehr gut an, es beginnt nämlich mit: “OH MY GOD I’M IN HELL!” Wenn das mal nicht interessanter ist als der gesamte Merchandise-Tisch der “Wilden Kerle”!
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* Der Titel ist an dem Buch “How to be good” von Nick Hornby angelehnt, darin schreibt der Protagonist David eine Kolumne in der örtlichen Zeitung und der Name der Kolumne heißt “Der zornigste Mann von Holloway”.
2. Tag (20. Sept. ’09) – “Presto, presto! Presto!”
Nach einem freien Vormittag, bei dem wir die Gelegenheit hatten die nähere Umgebung von unserem Hotel zu erkunden, trafen wir den russischen Chor im Kloster und hatten unsere erste Probe. Das erste Treffen war mit einiger Verlegenheit begleitet und auf den ersten Blick prallten da zwei Welten aufeinander. Die russischen Frauen hatten alle Röcke und Oberteile mit langen Ärmeln an und manche trugen sogar einen Kopftuch. Unsere Mädels hingegen trugen fast alle Jeans und einige recht enge T-Shirts. Nur einige wenige von den Russen sprach flüssig Englisch, was die allgemeine Verlegenheit nur noch steigerte.
Doch als wir mit dem Singen begangen, löste sich die Spannung allmählich und über die gängige Begriffe der Musik konnte Christoph (unser Chorleiter) sogar fast problemlos die Dynamik oder das Tempo kommunizieren. So fanden wir z.B. heraus, dass wir “Mnogaja Ljeta” viel zu gemächlich sangen und es “Presto, presto, presto!” sein müsste. Christoph kam dabei wohl doch etwas ins Schwitzen und zusammen mit dem russischen Chor lachten wir über sein leicht angestrengtes Gesicht.
Ich musiziere schon seitdem ich in der Grundschule bin, aber im Wolgograd habe ich zum ersten Mal so intensiv erlebt, wie stark die Musik auch als Sprache zwischen den Menschen funktionieren kann. Da gründet man EU oder UNO, trifft sich andauernd bei irgendwelchen Gipfeltreffen und eigentlich braucht man nichts anderes zu tun als ein kleines Lied zu trillern und alle trillern mit… Natürlich ist das alles sehr naiv ausgedrückt, aber um an dieser Stelle Paul Hindemith zu zitieren:
Menschen, die gemeinsam Musik machen, können keine Feinde sein — zumindest nicht, solange die Musik andauert.
PS: da fällt mir ein, wenn wir schon bei dem Thema sind (und weil wir heutzutage so schrecklich interaktiv sind), ein sehr sehenswertes Video dazu wäre Where the hell is Matt? . Und spätestens jetzt kriege ich wieder ganz viel Fernweh!
Fortsetzung folgt…
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